Monthly Archive for November, 2007

So koit und so schön

Romeo und Julia

Man hat die Kritiken zur Hartmann´schen Romeo und Julia Inszenierung geflissentlich überhört- und lesen und konnte so ganz vorbehaltslos dem Liebesdrama lauschen, als es im Burgtheater seinen Lauf nahm.

Und da es sich beim Theater spielen um die szenische Wiedergabe des geschriebenen Wortes handelt und dargebotenen Bilder per se nach einer ästhetischen Reaktion verlangen, ist es nicht weiter verwunderlich, dass es vonseiten des Publikums heftige Äußerungen zum Bühnengeschehen gab. Denn während das geschriebene Wort vornehmlich unsere Vorstellungskraft fordert, treffen uns Bilderfluten in ihrer Unmittelbarkeit in unserem Empfinden und provozieren Emotionen. Wenn das Ganze dann auch noch mit einem entsprechenden Geräuschpegel einhergeht, darf es nicht weiter verwundern, wenn die Reaktionen dementsprechend heftig ausfallen. Und so gab es einerseits die erzürnten Vorstellungsverlasser und Buhrufer, andererseits aber auch eine Menge von gänzlicher Begeisterung beseelter Lauscher.

Selbst stellt man sich nach der in allen Punkten als großartig wahrgenommenen, Vorstellung die Frage, wie es kommt, dass Romeo und Julia seit Jahrhunderten als Innbegriff romantischen Liebeswerbens gehandelt werden. Ist es nicht viel mehr genau das Gegenteil, nämlich das Aufzeigen eines liebestechnischen Irrweges, den eine streng hierarchische und patriarchale Gesellschaft vorgegeben hat und aus dem es zumindest aus Sicht der Frau nur den Ausweg in Morpheus todbringende Arme oder die eines geifernden Alten gibt. Ist es nicht die totale Verneinung des Ich und die Auslöschung der eigenen Individualität und steht damit doch in krassem Gegensatz zu den Grundfesten der Romantik und zeigt vielmehr eine schnörkellose Realität, die es auch in heutiger Zeit, wenn auch in abgewandelter, aber gleichermaßen tödlichen Ausprägung gibt, wenn etwa Staaten zum hinterfragenswerten Wohl der Weltbevölkerung Kriege führen. Es ist doch ein Paradoxon im Tod einzelner das Heil vieler zu suchen, lebt eine Gesellschaft doch von den Lebendigen und nicht von den Toten.

Schräglage

In einer Gesellschaft der Prozac-Optimisten und Glückseligkeits-Fetischisten ist es eine wahre Wohltat, wenn sich zumindest auf Musikebene Neigungsgruppen finden, die sich dem L(i)ebensleid in vollsten Zügen hinzugeben wissen und damit nebelig, verschneite Novemberwochenenden zu einem wahren Hochfest der Tristesse deluxe werden lassen.

Herr Ostermayer und Kumpanen verzehren sich auf ihrem aktuellen Tonträger akustisch nicht nur geschmackvollst jenseitig nach Liebe, Leben, oder dem, was man zumindest gemeinhin darunter verstehen mag. Sie tun dies obendrein unter anderem mithilfe melodisch höchst anspruchsvoller Nachahmung eines frühen Nick Cave, der seit jeher für die Königsklasse der liebestechnischen Selbstentäußerung gestanden hat und erbringen einmal mehr den Beweis für Rilke´s Postulat der untrennbaren Verbindung von Liebe und Einsamkeit.

Da heisst es nicht bloß beim großartigen “so koit” Ohren und überhaupt warm einpacken, sondern ganz generell “Gute Nacht, du liebe Welt”, auf dass auch morgen noch ein wenig übrig bleibt, vom wunderschönen Herzeleid!

Am 20.11.2007 sind die Herren übrigens im OST zu belauschen. Vorab schon mal eine kleine Schmerzattacke …

Kulturauftrag

Cineast@s haben es nicht wirklich leicht mit dem öffentlich-rechtlichen Sender. Dort gibt es zwar beizeiten immer wieder durchaus beherztes Filmprogramm, allerdings ausschließlich zu nachtschlafender Zeit, und man kann ja nicht ewig studieren.

Da freut es umso mehr, wenn hierzulande eine Kultureinrichtung nicht nur ihrem Bildungsauftrag nachkommt, sondern dies auch zu einer für die arbeitstätige Bevölkerung akzeptablen Tageszeit tut. Wie eben das Instituto Cervantes. Dort gibt es eine Woche lang skuril Genüssliches aus Barcelona. Ventura Pons at it´s best und das ohne am nächsten Morgen von den eigenen Augenringen erschlagen zu werden.

Zeitzeugen

Kein Mensch soll ertragen müssen, was er ertragen kann” die Schlussworte der Holocaust-Überlebenden Susanne Lamberg drücken aus, was nicht nur der Tenor einer interessierten Zuhörerschaft und einer handvoll engagierter Protagonisten im Wiener Volkstheater sein sollte, sondern vielmehr weltumspannender Ethikgrundsatz.

Nicht das Warum ein ganzes Volk überhaupt nichts mitbekommen haben will, ist in Zeiten des global village die zentrale Frage, sondern vielmehr, wie man mit dieser Geschichte umgeht und vor allem, was man daraus lernt. Und dieser Lerneffekt scheint gerade in einer Zeit der totalen Vernetzung, in welcher sich die Welt auf Knopfdruck nach Hause holen, das Elend aber ebenso schnell wieder von der heimischen Bildfläche wegklicken lässt, sehr hinterfragenswert. Wissen kann nur bewegen, wenn ihm Taten folgen. Wegschauen ist zwar eine ebensolche, doch hat sich das bereits vor mehr als 60 Jahren als höchst kontraproduktiv herausgestellt.