Monthly Archive for Januar, 2008

Familiengeschichte

Man hatte bereits nach einem kurzen Reinhören in Elisbeth Scharang´s Jugendzimmer den Eindruck bekommen, dass es sich bei “The End of the Neubacher Project” möglicherweise um eine klein wenig narzisstische Filmemacherselbstdarstellung handeln könnte und doch war man interessiert zu sehen, wie die eigene Generation hierzulande den Umgang mit einer nationalsozialistischen Familienhistorie filmisch aufzuarbeiten versucht.

Und so fand man sich gestern in einem heillos ausverkauften Votivkino zunächst auf der Warteliste und schlussendlich doch noch bei Filmvorführung inkl. Podiumsdiskussion wieder und war vor allem recht schnell eines, nämlich in den bereits erwähnten Jugendzimmer-Ressentiments bestätigt.

Ein zorniger, junger Mann, im Zwiespalt zwischen Mutterliebe und -hass, auf der Suche nach einem Vater, den die Mutter dem Kind hartnäckig verwehrt. Dies vielleicht nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sie selbst trotz physischer Anwesenheit selbiger, die Vaterfigur nie annehmen konnte, und dem Sohn den selbst erlebten väterlichen Verlustschmerz auf diese Weise zu ersparen sucht. So ergibt sich für den Filius eine Ohnmachtssituation gegenüber hinterfragenswerter Autoritäten, die dieser über die filmische Inszenierung der NS-Familiegeschichte aufzuarbeiten versucht, sich dabei allerdings in verletztem (Kinder)stolz und trotziger Aufmerksamkeitshascherei verrennt und damit den Blick auf eine geschichtspolitisch durchaus interessante Vergangenheit seiner Familie verstellt. Sich dieser damit auch nicht in letzter Konsequenz stellt und statt dessen - und das ist dann doch eine spannende Komponente - selbst die Opferrolle einnimmt, in der filmischen Explizität gegenüber Mutter und Großmutter zum Täter-Sühner wird und sich letztendlich, wie einst die Mutter, in dem Versuch nach Anerkennung durch die familiäre Autorität verbeißt und nach Antwort auf Fragen sucht, die man sich bei genauer Betrachtung der Geschichte selbst geben kann und vor allem auch muss. Eine seltsame und doch wahrscheinlich zutiefst menschliche Handlungsweise, die das ewige Scheitern der Aussöhnung zwischen den Generationen sehr klar und unverblümt aufzeigt.

Was dem Publikum vorgeführt wird, ist ein zutiefst österreichisches, altertümlich verbeamtetes Familienklischee, in dem ganz offensichtlich große emotionale Verletzungen zwischen den Geschlechtern und Generationen stattgefunden haben, die allerdings auf Werten und Autoritätshaltungen aufbauen, die ihren Ursprung einerseits noch im k&k Beamtentum haben, gleichzeitig aber vor allem dem Gedankengut der NS-Zeit entspringen. Und genau auf diese Eckpfeiler des Systems Familie wird nicht eingegangen, sie werden nicht hinterfragt und demontiert, im Gegenteil, sie ziehen sich konstant und machtvoll durch den Film und bieten keinen Mittelweg zwischen den ewigen Kontrahenten Alt - Jung, Gut und Böse, Mutter - Vater, Opfer - Täter.

Ist dem Enkel die explizite Darstellung der sterbenden Körper der Mutter und Großmutter, ein Sühnebild für Millionen tote Juden? Ist das jahrlange filmische Dokumentieren höchst privater Situationen inklusive Telefon”überwachung” eine selbstauferlegte Buße für das familiengeschichtliche Mitagieren in einem Überwachungsstaat, ist der Befehlston, in dem der Enkel die Großmutter zu Meinungsäußerungen drängt eine Art verbaler Züchtigung für ihre Teilhabe an Arisierungsaktionen. Ist das im Endeffekt nicht alles Kindergarten und maßlose Selbstüberschätzung in Anbetracht der himmelschreienden Gräueltaten des NS-Regimes und seiner MittäterInnen.

Und so fragt man sich zum Ende bloß, wie groß der Hass sein muss, dass man sich seiner eigenen Familiengeschichte mit diesem Maß an körperlicher Zur-Schau-Stellung und trotzigem Egoismus nähert und ob es nicht manchmal besser ist, wenn Homemovies auch wirklich das bleiben, was sie sind, nämlich Dokumente für die eigenen vier Wände und nicht für ein vergangenheitsverarbeitungsgeiles Bobopublikum, das spätestens bei den ersten Publikumsmeldungen seine ach so politisch-korrekte Maske fallen lässt.

Vermessen

Wenn die wahren Abenteuer wirklich im Kopf stattfinden, darf man sich getrost im heimeligen Ohrensessel niederlassen und sich der abenteuerlichen und vor allem mit köstlichst aberwitzigem Humor gespickten Lebensgeschichten der Herren Humboldt und Gauß beschäftigen, zumindest jenen Curricula Vitae, die Herr Kehlmann für die beiden erdacht hat. Im Eilzugtempo liest man sich durch Südamerika, die Weiten Russlands und vor allem das Denkkabinett zweier großer Geister und findet sich so des Nächtens auf Orpheus´ seltsamen Pfaden wandelnd, geradewegs in blütenweißer Küchenschürze auf einen doch recht überdimensionalen Kochtopf zusteuern - Stichwort: Schrumpfkopf.

Morgens wundert man sich dann doch etwas über diese, zumindest bis dato, gut verborgene Seite der eigenen Seelenunterwelt - soviel zur Verquickung von Abenteuer und Kopf.

Wer nun Lust auf mehr abenteuerliche Geschichten und ebensolche Träume hat, dem sei Daniel Kehlmann´s Die Vermessung der Welt wärmstens empfohlen. Auch als durchaus wirksame Gegenmaßnahme zur eigenen Schrumpfkopfisierung in Zeiten chronischen massenunterhaltungsmedialen Raubbaus an Intelligenzia & Co..

Mächtig

Man ertappt sich in letzter Zeit immer häufiger dabei beim Ersten vorbeizuschauen und dort - zumindest fernsehtechnisch - hängen zu bleiben. Da gab es über die Feiertage nicht nur ganz bezaubernde Dokumentationen über wahrlich pitoreske Eisenbahnstrecken weltweit. Sondern vor allem auch immer wieder ganz vortreffliche Portraits unterschiedlichster Personen und gestern Abend war Frau Merkel dran.

Endlich einmal ein Blick auf die Politikerin Merkel, ohne ständigen Verweis darauf, dass sie eine Frau ist. Denn, und das wurde in dieser Sendung einmal mehr verdeutlicht, es geht darum, was ein MENSCH kann und nicht vordergründig, ob er Männlein oder Weiblein ist. Dies unterstrich auch Guido Westerwelle in seinem Statement zum Agieren der Kanzlerin und stellte fest, dass es sich bei der (politischen) Macht auf höchster Ebene ausgeschlechtert hat. Der Machtmensch Merkel handelt nicht geschlechtsrollenspezifisch, die Frage stellt sich hier nicht einmal, und das ist gut so, um Herrn Wowereit zu zitieren.

Doch auch unter den Mächtigen gibt es ganz schöne Gockel, denen jedoch trotz ihres Beharrens auf dem Geschlechterspiel nicht ein gewisses Feingefühl für Politik abzusprechen ist, und daher sei an dieser Stelle das akutelle Buch des Politmachos Fischer erwähnt, in welchem sich dieser sehr klar zu Machtdefinition, und Oppositionspolitik im Speziellen äußert. Ein Thema, welchem sich auch die heimischen Grünen ehebaldigst sehr eingehend widmen sollten.

2008

Slowenien übernimmt den EU-Vorsitz und damit auch das Bummerl zur nach wie vor ungelösten Kosovo-Frage, in Pakistan & Co. wird geselbstmordattentätert und die derowegen zur Märtyrerin aufgestiegene Frau Bhutto begraben. Hier zwängt sich die politisch wahrscheinlich höchst unkorrekte Frage nach dem Geschlecht der, im Paradies auf die im WahlKAMPF Gefallene, wartenden Jungfräulichen förmlich auf.

Die Antwort blieb auch der hierzulande im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kirchenbotschaftende und sichtlich papstverliebte Kardinal schuldig - im Sinne der Ökumene wahrscheinlich. Der fromme Gottesdiener war in seiner rührig vorgetragenen, erzkonservativen Neujahrsbotschaft primär darum bemüht, sich den eigenen Weg in den Garten Eden zu sichern, was ihm zumindest aus weltlich-medialer Sicht bravourös gelungen ist. Minutenlange Redezeit einen Tag vor dem Bundespräsidenten und das zur quotenstarken Hauptabendzeit. Es darf gemutmaßt werden, ob hier im Vorfeld irgendwo das Moltofon Sturm geläutet hat. Auf alle Fälle bemerkungs- wenn nicht sogar besorgniswert dieser kirchen/regierungspolitisch nicht zu unterschätzende Medialschachzug zum Jahresbeginn. Da sollte sich 2008 nicht nur die Fußball-Nationalmannschaft auf so manche gegenerische Ballzauberei gefasst machen, wenngleich zumindest für Hickersberger und Mannen laut Frau Rogers die Sterne günstig stehen - ein Anfang.

Und doch auch ein jähes Ende. Herr Grissemann ist nicht mehr. Zumindest nicht seidig modulierend während des Neujahrskonzerts und das ist mehr als bloß ein akustischer Tiefschlag. Frau Rett ist zwar bemüht, doch vor lauter leiser Säuseligkeit kaum hörbar und somit gar nicht gut nach dem silvesterlichen Ohrensalat. Zur Freude des Tages gibt es dann aber noch Feuerzangenbowle mit Herrn Rühmann und damit gleich den guten Vorsatz, auch im Neuen Jahr den Frohsinn nicht über ernster Geschäftigkeit zu vergessen.




Wir wollen mitbestimmen und rufen für die Wiener Wahl 2010 Grüne Vorwahlen aus.