
Archiv für die Kategorie 'Kinematograph'
… das Warum wäre zuvor auch noch zu klären - trendsetting auf alle Fälle das Ensslin-Make-up passenden zum Kinostart des neuen Eichinger Films rund um Baader-Meinhof. Ob sich mit ein wenig Terroristaflair allerdings auch im Herbst 2008 noch Wählerstimmen finden lassen, sei dahingestellt.
Im selbstgezimmerten Bücherschränkchen reihen sich die lonely planets Rücken an Rücken, Tramperrucksack, Isomatte und Kugelzelt sind noch immer bestens gewartet, doch irgendwie seit Jahren bereits einsatzlos, weil es einen statt in die weite Welt der Hostels und Couchsurfer dann doch eher ins weichgepolsterte Hotel very welcome im Gartenbaukino zieht.
Ein höchst unterhaltsamer Film über und für all jene, die, gefangen in der Saturiertheit westlicher Konsumlebenswelten, in jungen Jahren auszogen, um den Sinn des Lebens zu suchen. Dieser fand sich dann zumeist reicht schnell auf fernen Tramperpfaden, auf welchen sich der drogengeschwängerte und exzessiv körpersäfteaustauschende Egotrip ohne Maß und Ziel und vor allem besonders gut zum Beat der aufgehenden Sonne zelebrieren ließ. Abenteuerliche Busfahrten, nervenaufreibende Unterkunftssuchen - besonders beschwerlich wenn bei 40°C und schwerem Absinthkater - tonnenschwere Rücksäcke, knurrende Mägen und alle Unannehmlichkeiten des Streunertums landeten angesichts dieses Gefühlsoverflows recht schnell im Eck der romantischen Verklärung der Erinnerung.
Und so sitzt man heute im kuscheligen Kinosessel, wippt mit der Fußspitze zu Goatrance und träumt von der Jugend. Das nennt man dann mehr als mitten drin im Lebensalter der Erziehungsberechtigten wohl einen gelungenen Abend.
Man hatte bereits nach einem kurzen Reinhören in Elisbeth Scharang´s Jugendzimmer den Eindruck bekommen, dass es sich bei “The End of the Neubacher Project” möglicherweise um eine klein wenig narzisstische Filmemacherselbstdarstellung handeln könnte und doch war man interessiert zu sehen, wie die eigene Generation hierzulande den Umgang mit einer nationalsozialistischen Familienhistorie filmisch aufzuarbeiten versucht.
Und so fand man sich gestern in einem heillos ausverkauften Votivkino zunächst auf der Warteliste und schlussendlich doch noch bei Filmvorführung inkl. Podiumsdiskussion wieder und war vor allem recht schnell eines, nämlich in den bereits erwähnten Jugendzimmer-Ressentiments bestätigt.
Ein zorniger, junger Mann, im Zwiespalt zwischen Mutterliebe und -hass, auf der Suche nach einem Vater, den die Mutter dem Kind hartnäckig verwehrt. Dies vielleicht nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sie selbst trotz physischer Anwesenheit selbiger, die Vaterfigur nie annehmen konnte, und dem Sohn den selbst erlebten väterlichen Verlustschmerz auf diese Weise zu ersparen sucht. So ergibt sich für den Filius eine Ohnmachtssituation gegenüber hinterfragenswerter Autoritäten, die dieser über die filmische Inszenierung der NS-Familiegeschichte aufzuarbeiten versucht, sich dabei allerdings in verletztem (Kinder)stolz und trotziger Aufmerksamkeitshascherei verrennt und damit den Blick auf eine geschichtspolitisch durchaus interessante Vergangenheit seiner Familie verstellt. Sich dieser damit auch nicht in letzter Konsequenz stellt und statt dessen - und das ist dann doch eine spannende Komponente - selbst die Opferrolle einnimmt, in der filmischen Explizität gegenüber Mutter und Großmutter zum Täter-Sühner wird und sich letztendlich, wie einst die Mutter, in dem Versuch nach Anerkennung durch die familiäre Autorität verbeißt und nach Antwort auf Fragen sucht, die man sich bei genauer Betrachtung der Geschichte selbst geben kann und vor allem auch muss. Eine seltsame und doch wahrscheinlich zutiefst menschliche Handlungsweise, die das ewige Scheitern der Aussöhnung zwischen den Generationen sehr klar und unverblümt aufzeigt.
Was dem Publikum vorgeführt wird, ist ein zutiefst österreichisches, altertümlich verbeamtetes Familienklischee, in dem ganz offensichtlich große emotionale Verletzungen zwischen den Geschlechtern und Generationen stattgefunden haben, die allerdings auf Werten und Autoritätshaltungen aufbauen, die ihren Ursprung einerseits noch im k&k Beamtentum haben, gleichzeitig aber vor allem dem Gedankengut der NS-Zeit entspringen. Und genau auf diese Eckpfeiler des Systems Familie wird nicht eingegangen, sie werden nicht hinterfragt und demontiert, im Gegenteil, sie ziehen sich konstant und machtvoll durch den Film und bieten keinen Mittelweg zwischen den ewigen Kontrahenten Alt - Jung, Gut und Böse, Mutter - Vater, Opfer - Täter.
Ist dem Enkel die explizite Darstellung der sterbenden Körper der Mutter und Großmutter, ein Sühnebild für Millionen tote Juden? Ist das jahrlange filmische Dokumentieren höchst privater Situationen inklusive Telefon”überwachung” eine selbstauferlegte Buße für das familiengeschichtliche Mitagieren in einem Überwachungsstaat, ist der Befehlston, in dem der Enkel die Großmutter zu Meinungsäußerungen drängt eine Art verbaler Züchtigung für ihre Teilhabe an Arisierungsaktionen. Ist das im Endeffekt nicht alles Kindergarten und maßlose Selbstüberschätzung in Anbetracht der himmelschreienden Gräueltaten des NS-Regimes und seiner MittäterInnen.
Und so fragt man sich zum Ende bloß, wie groß der Hass sein muss, dass man sich seiner eigenen Familiengeschichte mit diesem Maß an körperlicher Zur-Schau-Stellung und trotzigem Egoismus nähert und ob es nicht manchmal besser ist, wenn Homemovies auch wirklich das bleiben, was sie sind, nämlich Dokumente für die eigenen vier Wände und nicht für ein vergangenheitsverarbeitungsgeiles Bobopublikum, das spätestens bei den ersten Publikumsmeldungen seine ach so politisch-korrekte Maske fallen lässt.
Wochenends flüchtete man vor nächtlichen Hitzeattacken in den eisgekühlten Kinosaal und führte sich das neueste Tarantino Machwerk zu Gemüte. Angesichts der hitzebedingten, intellektuellen Ausfallserscheinungen eine gute Entscheidung, denn auch Herrn Tarantino dürfte während des Drehbuchschreibens sehr heiß gewesen sein.
Somit passte filmisches Anspruchsniveau und der Geisteszustand der Zuseherin wie der Fuß aufs Gaspedal und man hatte einen Riesenspaß an Russel´scher Actionkomik gepaart mit trinkfesten Charly´s-Angels-Klonen und wilden Verfolgungsjagden. Dass die Geschichte dazwischen eher mau als wow war, darf vernachlässigt werden, war das doch schon bei Bud Spencer und Terence Hill nicht anders.
Und weil der eigene Dodge Challenger in Wirklichkeit ein 50 PS Lupo ist und der Sonnenstich für Breitreifen und Neonlack an den Gestaden des Wörthersees doch noch nicht ausreicht, wird jetzt ganz schnell die alte Carrera-Bahn aus dem Keller geholt und Gas gegeben, Vollgas, versteht sich. Denn fürs Bremsen ist es einfach viel zu heiß und das Leben sowieso zu kurz.


Suppenwürze