“Get ready to shoot yourself” mit diesem Aufruf zum kollektiven Suizid begrüßte ein lichttechnisch in diabolisches Rot eingehüllter Nick Cave seine Glaubensgemeinschaft im Wiener Gasometer. Unterstützt durch einen geigenden Waldschrat und eine furios aufspielende Band bot der mittlerweile 51jährige Sangesbruder aus dem fernen Australien eine mehr als bewundernswerte Performance - selbst schwächelte man gegen Ende der Aufführung und hatte statt Bühnen- freie Sicht auf sich im Takt wiegende Erbsenpöpös, oder solche, die es einmal waren, oder wieder werden wollen. Der Zahn der Zeit ist einfach gnadenlos.
So ging auch Herrn Cave bei mit jugendlichem Zorn zu singenden Liedern wie dem wonderfully mercy seat ein wenig die Luft aus - es fehlte einfach der Vocal Backup eines Herrn Bargeld, dessen Bandausstieg auch Jahre danach noch aufs Tiefste zu betrauern ist. Dafür gab es aber den ship song in einer gar liebreizenden Version und auch der all-time-favorite let love in fand seinen Platz in der Setlist.
Dem armen Lazarus wurde einmal mehr der Vorschlag der Selbstbestattung unterbreitet, offensichtlich sind Auferstehungen aber permanent wiederkehrende Ereignisse und so darf man auch durchaus davon ausgehen, dass Reverend Nick nicht so schnell von der Bühne verschwinden wird.
Wenn sich der Welt-und Liebesschmerz im Alter in so motivierte Lebensfreude verwandeln lässt, darf man getrost der eigenen Verwelkung ins Auge blicken und schlummert trotz tinnitusierten Ohren friedlich dem kommenden Morgen entgegen.
Schöner Mann, schöne Musik und seit jeher ein gewisser Hang zur Biochemie, der Herr Rossdale. War es in den 90igern noch das Glycerine, kamen dann irgendwann die Chemicals between us und schlussendlich die sangestechnische Huldigung des Adrenalin. Letztere überraschte die Ohren dann so unvermutet, dass man vergaß, aus dem Auto auszusteigen. Eigentlich war es ja Herrn Larkins Schuld, spielte er die Nummer doch wirklich bis zum letzten hörbaren Etwas und genau da klopfte auch schon der Bürokollege ans Fenster. In der anschließenden Morgenkonversation ging dann unter, ob es sich beim eben gehörten Sangeskünstler tatsächlich um den längst in familiengründerischer Versenkung gewähnten Ex-Bush-Frontmann gehandelt hat.
So fragt man das pipifeine FM4-Trackservice, und ja, es war Gavin Rossdale, der da frühmorgens via Äther über das Nebennierenrindenhormon herzschmerzte. Und ja, er ist immer noch gerne oben ohne nackig auf der Bühne, wie ein schneller Blick Richtung youtube beweist, und ja, er ist immer noch zuckersüß anzusehen und ja, man kommt da auch weit jenseits grungiger Möchte-gern-Groupie-Tage ins Schwärmen, ob des gesixpackten Hühnerbrüsterls. Und nein, es hätte dieser Erkenntnis jetzt nicht bedurft, den Nobelpreis holen sich andere, den Herrn Rossdale sowieso.
Auf Arte Herr Godard und Herr Wagner aus dem Ö1 Radio. Der eine mit, der andere ohne Ton. Und nein, dies ist jetzt keine Anspielung auf den wahrlich bedauernswerten, stimmlich indisponierten Wotan-Barden Uusitalo, sondern vielmehr die Tatsache, dass es als glückliche Fügung des Schicksals zu werten ist, wenn der 3. Aufzug der “Walküre” mit dem Nouvelle Vague Pionier- und Meisterstück “A bout de souffle” zusammenfällt.
Jean-Paul Belmondo in jugendlichem Ungestüm perfekt in Szene gesetzt und musikalisch furiosest von den Philharmonikern untermalt. Großartigster Augen- und Ohrenschmaus und am aller großartigstes wieder einmal das Wiener Staatsopernpublikum - da wird ausgebuht ohne Punkt und Komma. Nur schade, dass der diesbezügliche Enthusiasmus nach der Vorstellung mit Abendkleid und Frack in den Kleiderschrank gesperrt wird. Denn ein paar Häuser weiter den Ring hinauf gebe es ein paar Damen und Herren, denen zwar nie die Stimme fehlt, dafür aber immer häufiger der Verstand - da darf ruhig auch mal ordentlich gebuht werden.
Suppenwürze