Tag-Archiv für Österreich

Zeitzeugen

Kein Mensch soll ertragen müssen, was er ertragen kann” die Schlussworte der Holocaust-Überlebenden Susanne Lamberg drücken aus, was nicht nur der Tenor einer interessierten Zuhörerschaft und einer handvoll engagierter Protagonisten im Wiener Volkstheater sein sollte, sondern vielmehr weltumspannender Ethikgrundsatz.

Nicht das Warum ein ganzes Volk überhaupt nichts mitbekommen haben will, ist in Zeiten des global village die zentrale Frage, sondern vielmehr, wie man mit dieser Geschichte umgeht und vor allem, was man daraus lernt. Und dieser Lerneffekt scheint gerade in einer Zeit der totalen Vernetzung, in welcher sich die Welt auf Knopfdruck nach Hause holen, das Elend aber ebenso schnell wieder von der heimischen Bildfläche wegklicken lässt, sehr hinterfragenswert. Wissen kann nur bewegen, wenn ihm Taten folgen. Wegschauen ist zwar eine ebensolche, doch hat sich das bereits vor mehr als 60 Jahren als höchst kontraproduktiv herausgestellt.

Holy Shit und die Perfektion der Inszenierung

Der Papst bepilgert Österreich, es schüttet in Strömen und der heilige Stuhl folgt in Form eines mobilen Dixieklos der Luxusklasse. Wenn schon der Himmel wolkenverdüstert, so blitzt nicht nur das Mäntelchen, sondern auch die aufgetunte Nachtschüssel des Pontifex in Unschuldsweiß. Ob dieser omnipräsenten Stringenz von Corporate Colour & Co. bleibt dann wohl auch kein Zweifel an der visuellen Erscheinung des Inhalts selbiger. Weißer, weißer, am weißesten und wieder werden ein paar Suchende mehr zu Verblendeten.

Wiener Blut

In einer Operette ist trotz aller Komödie ganz schnell Schluss mit lustig, wenn man seinen Eintritt nicht bezahlt. Und ist der Zahlungsunwillige auch als Statist unbrauchbar, ist die Vorstellung für ihn gelaufen.

Und so hat man an einem sonnig, schwülen Sommervormittag in einer Einkaufsstraße Geld auszugeben und dabei glücklich zu lächeln. Sitzt man stattdessen schnorrend an der Straßenecke und bläst mit einer Dose Bier in der Hand Trübsal, ruft dies unverzüglich uniformierte Ordnungshüter auf den Plan, die den juvenilen Inszenierungsverweigerer gekonnt aus dem Bühnenbild entfernen und dabei das wenig einfühlsamen Libretto “Deine Probleme interessieren mich nicht. Fahr heim nach Bosnien!” schmettern.

Dafür gibt es nicht bloß aus dem rechten Eck noch immer viel Applaus und die Buh-Rufe verhallen im Münzengeklimper der Geschäftskassen.

Kasperltheater

Die Hamburger ließen am Wochenende im Burgtheater die Puppen tanzen. Da standen sie dann, unsere Pappkameraden aus der Regierungsbank, und wurden vom Wählervolk mit Wasserbomben zu Fall gebracht. Flankiert von heimischer Medienprominenz, die ihnen getreu ins Verderben folgte.

Jenem Herrn, dem so Angst und Bang um die Kultur des Vaterlandes ist, wurde vor dem Bombardement noch stilecht ein flotter Seitenscheitel, eine quadratische Rotzbremse und zuchtstiermäßiges Gemächt aufgemalt. Das Stehvermögen ein fake wie im wirklichen Leben. Patsch und weg.

Gleiches Schicksal ereilte die wie immer unvorteilhafte Figur des Regierungsobersten. Allerdings ohne Körperbemalung. Dafür gewohnt substanzlos, auch wenn er´s kohlsuppengeschwängert krachen lässt. Patsch und weg.

Das Können der steuerfinanzierten Marionettenmannschaft bedarf keiner weiteren Diskussion. Der Umzug vom Hohen Haus in die Urania ist nur mehr eine Frage der Zeit. Dort wird er dann ausgerufen, der Märchenstaat im Puppentheater. Kasperl & Co. haben ausgedient. Bussi, Bussi, Gusistrach.

Stubenhocker

Charly hat mir gestern erzählt, dass er noch nie draußen war - aus Österreich. Und er kann das überhaupt nicht verstehen, warum alle immer ins Ausland wollen. Sind ja eh schon so viele Ausländer da. Da kommt er - der Charly - sich eh schon vor wie im Ausland. Und überhaupt. Er kann sich nicht vorstellen, dass es irgendetwas gibt, was es in Österreich nicht gibt, was ihm abgehen könnte, wenn er nicht ins Ausland fährt. Und dann wäre da noch das Sprachproblem. Das sieht Charly zwar nicht als solches, weil bitte, wenn schon, dann sollten gefälligst die anderen deutsch lernen. Ist ja immerhin - zumindest laut seiner Theorie - die Mutter aller Sprachen. Nun denn. Es ist müßig mit Charly darüber zu diskutieren. Für ihn ist hier alles paletti. Und wenn was nicht stimmt, dann hat das mit den Ausländern zu tun, oder jenen, die mit ihnen sympathisieren.

Klingt jetzt alles sehr klischeehaft, aber der Charly ist ein Klischee. Ein lebendes und ein zutiefst österreichisches. Ein hausgemachtes. Und solange die hiesige Bildungs- und Sozialpolitik ihren Kurs beibehält, wird sich daran auch nicht viel ändern. Das gilt auch für die Medien. Der Charly ist sehr stolz auf seinen Presseausweis.