Fernsehen – verschwinden die Nachrichten?

16. März 2010 | Von | Kategorie: Blickwinkel, Das philosophische Menuett, Flimmerkiste

Der Boulevard scheint es richtig zu machen. Ist er doch beim Montagsgespräch der Tageszeitung der Standard in aller Munde und läuft dem eigentlichen Thema nach der Frage des Verschwindens der Nachrichten den Rang ab. Lugner und Heinzl dürfen sich freuen. Ihre Nachricht ist die Inhaltslosigkeit, die von der Luftzirkulation lebt. Das scheint zu funktionieren und so wird viel heisse Luft darum auch in der streckenweise faktenarmen Diskussion zwischen Moderator Gerfried Sperl/ der Standard, Teddy Podgorski/ ehemaliger ORF-Gerneralindentant, Reinhard Christl/ Institutsleiter der FH-Wien, Markus Breitenecker/ Geschäftsführer Puls 4, Karl Amon/ ORF-TV-Chefredakteur und Christiane Spiel/ Institutsvorstand Universität Wien produziert.

Und man kommt einfach nicht auf den Punkt. Denn existiert die befürchtete Konkurrenz klassischer Nachrichtenformate mit dem Boulevard überhaupt und wenn ja, tatsächlich in für die Nachrichten bedrohlichem Ausmaß? Oder ist die Bedrohung eher künstlich agitiert aufgrund der aktuell zeitgleichen Programmierung der „Zeit im Bild“ auf ORF 2 und dem Unterhaltungsformat „Chili“ auf ORF 1. Bei diesem direkten Aufeinandertreffen geht der Sieg nach (Quoten)punkten übrigens eindeutig an die Nachrichtensendung. Und man stellt sich die Frage, wovor man sich hier eigentlich fürchten soll?

Die digitale Welt der New Media ist jung, hipp und konsuminteressiert. Misst sich der in die Jahre gekommene Qualitätsjournalismus an diesen Attributen, darf man sich über eine ausgeprägte Midlife-Crisis nicht wundern. Und die klassischen Medien dürften sich aufgrund der antizipierten Gefahr der Medienwelt 2.0 in einer ebensolchen Sinnkrise befinden. Das Selbstbewusstsein aufgrund sinkender Quoten ist im Keller, man glaubt, etwas haben zu müssen, was einem dieser virutelle Globus vorgaukelt und biedert sich in der Folge an dem sich mit diesen Bedingungen besser arrangierenden Boulevard an – es kommt zum Kräftemessen. Da wird dann versucht, alle Register der Verjüngung zu ziehen, auf Facelifts gesetzt und keiner fragt die Konsumentinnen und Konsumenten was ihnen denn am alternden Gesicht des Qualitätsjournalismus nicht gefällt und ob es überhaupt daran liegt, dass sie … ja, was macht das Publikum eigentlich?

Der Fernsehkonsum steigt in den Industrieländern stetig. Fernsehen ist nach wie vor das Nachrichtenmedium Nummer 1 ­– vor allem auch bei Kindern, Jugendlichen und Personen mit Migrationshintergrund. Das Internet holt auf, doch darf man bei aller Überdigitaliserung nicht vergessen, dass es weltweit ein doch noch recht kleiner Teil ist, der über die technischen Voraussetzungen zum Internetkonsum verfügt und auch hierzulande durchaus milieu- und vor allem auch geschlechterbezogene Unterschiede im Zugang zu Internet & Co. zu finden sind. Ganz abgesehen von der Frage, was denn eigentlich tatsächlich konsumiert wird, wenn man denn dann drin ist – im Netz.

Doch zurück zum Thema: Das Verschwinden der Nachrichten. Denn davon kann wohl kaum die Rede sein, zumindest wenn man den Herren Amon und Breitenecker zuhört, die sich matchen, wer denn nun mehr Nachrichtenformate in seinem Sender hat.

Und wieder sind wir dort, worum sich die Diskussion die ganze Zeit dreht. Um die Quantität. Wie lang, wie oft. Bubengespräche – und vielleicht ist es ja auch nicht ganz zufällig, dass hier nur Männer am Podium sitzen. Ausgenommen Frau Spiel, die nicht nur die einzige Frau in der Runde ist, sondern auch die Einzige, die zwar Bildungs- aber eben nicht Medienexpertin ist, im Gegensatz zu ihren Mitdiskutanten. In Anbetracht der Tatsache, dass das Fernsehen und die Medienwelt im Allgemeinen nach wie vor ein Männerbetrieb ist, ein nicht zu vernachlässigendes Detail.

Doch unabhängig von Formatanzahl und Sendungslängen haben Nachrichtensendungen an zwei Fronten zu kämpfen. Einerseits wird eine inhaltliche Ernsthaftigkeit erwartet, die zunehmend an Protagonistinnen und Protagonisten scheitert, die diese konterkarieren – Stichwort Kasperltheater Politikbühne. Zudem scheint sich unter Zuseherinnen und Zusehern eine Art Weltpessimismus breit zu machen, der die Auseinandersetzung mit dieser Welt nicht wirklich als erstrebenswertes Freizeitprogramm erscheinen lässt. Entweder aufgrund eines Ohnmachtsgefühls gegenüber globalen Entwicklungen oder aus purem Desinteresse, da der Konnex zur eigenen Lebenswelt und den damit in Verbindung stehenden Bedürfnissen nicht vorhanden zu sein scheint.

Nachrichten müssen die Menschen ansprechen und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Sie müssen ihre Sprache sprechen. Die Gesellschaft ist bunter geworden und vielschichtiger. Die Lebenswelten des Fernsehpublikums haben sich seit den 50iger Jahren massiv verändert. Die inhaltliche Aufbereitung der Nachrichten hat hier Nachholbedarf. Der Qualitätsjournalismus verwirkt viel Potential, wenn er seinem Publikum in diesem Punkt nicht entgegenkommt. Das muss sich sowohl vor als auch hinter der (Nachrichten)kamera widerspieln und auf die Berichterstattung abfärben. Wo bleiben Nachrichten mit Fokus auf die weibliche Zielgruppe, auf unterschiedliche Ethnien, Religionen, Lebensstile und sexuelle Orientierungen. Das Zauberwort ist Diversität. Wirtschaftsunternehmen haben das Potential, das sich für sie dahinter verbirgt längst erkannt, der Boulevard sowieso. Doch seine Vielfalt ist ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit. Da braucht es ein regulierendes Gegengewicht – den Qualitätsjournalismus. Der im Übrigen die digitale Revolution auch in diesem Zusammenhang weniger als Bedrohung der klassischen Medienwelt als vielmehr als Herausforderung betrachten kann. Denn ohne qualitativ hochwertige Aufbereitung der Fülle an Information, die im und durch das World Wide Web generiert wird, laufen wir alle Gefahr am Ende bloß eins zu sein: Overnewsed but uninformed!

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Ein Kommentar auf "Fernsehen – verschwinden die Nachrichten?"

  1. avatar sirrobyn says:

    chapeau, conny!

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